Part IV:

Wenn der Schutzraum und die Sicherheit fehlt…

So viele unserer jungen Menschen erzählen uns aus ihrem Leben. Die aufregenden, wilden Geschichten, wo sie richtig gute Zeiten erlebt haben, von den großen, spannenden Reisen, berauschenden Partys und den ganz besonderen Begegnungen. Und manchmal da geht es auch um die richtig besch* Zeiten, die vielen Enttäuschungen, der fehlende Halt, die ganz bösen Situationen und Begebenheiten…

Junge Menschen erzählen uns im just auch von ihren traumatischen Erlebnissen, von der wiederkehrenden und anhaltenden Gewalt, von der dauerhaften Vernachlässigung, von sexuellen Übergriffen und davon wie Bezugspersonen immer wieder weggeschaut, nicht hingehört oder ihnen nicht geglaubt haben.

Wie sollen junge Menschen Vertrauen haben? Vertrauen darin, dass sie sicher sind, dass sie Unterstützung bekommen, dass mensch* ihnen Gutes will – wenn sie es immer wieder anders erlebt haben?

Vertrau dir selbst – denn das ist alles, worauf du dich verlassen kannst!“ ist das Motto vieler junger Menschen, die sich auf der Straße durchschlagen. Sie mussten so viel durchstehen, so vieles erleben, das niemals einem Kind widerfahren sollte. Sie erleben immer wieder, wie Bezugspersonen aufgeben, nicht genau hinhören, nicht da sind, wenn sie gebraucht werden und sie weitergeschickt werden, wenn sie nicht funktionieren.

I hoid des mit andere nimmer aus, in an jedem Heim, in alle WGs immer bin i g‘mobbed woan. Wenn i mir einfach alloa a Platzl suach, wo mi koana find, da lassen‘s mi endlich in Frieden.So wie Tobi 23 Jahre, geht es vielen, da sie nicht nur kein Zuhause gefunden haben, sondern sich oft auch noch ausgeliefert und ungeschützt gefühlt haben, seit Kindheit an.

Für mi sand die eigenen 4 Wände koa Sicherheit, i fühl mi da eigsperrt, da kriag i olle Zuaständ“ Sandra, bald 25 Jahre, liebt ihre Freiheit, zu lange musste sie sich unterordnen. Viel zu oft war sie den Gewalttaten von Erwachsenen, beginnend bei Mutter und Vater, über Bekannte der Familie und späteren Beziehungspartnern ausgesetzt. Inzwischen hat sie Angst vor geschlossenen Räumen. Sie fühlt sich schnell „in die Ecke gedrängt“.

Zoe 19 Jahre ist vor ihrem streng gläubigen Vater und der nicht liebevollen Stiefmutter geflüchtet. „Ich musste immer nur putzen, auf meine Stiefgeschwister aufpassen, kochen. Zur Schule durfte ich auch irgendwann nicht mehr. Oh, wie sehr wünsche ich mir, dass meine Mutter noch leben würde. Sie hätte mir zugehört, mir meine Ängste genommen. Manchmal wache ich auf und das Bett indem ich gerade schlafe ist nass.“ Eines Tages flüchtet sie wortwörtlich aus ihrem Zuhause, sie springt aus dem Fenster, um dem Gefängnis dort zu entkommen. Das erste Mal in ihrem Leben trägt sie Kleidung, die sie sich selbst bei uns im Kleiderfundus aussucht. Sie kennt vieles nicht, dass Gleichaltrige als selbstverständlich ansehen.

Woast wie guad des is, rundum di nur Ruhe und frische Luft, koana der stinkt, zlang fernseh schaut oder rumschreit.“ Marcel 22 Jahre, hat genug von den Streitigkeiten in der Notschlafstelle, er sucht sich lieber draußen unter freiem Himmel ein Versteck. Er erntet immer wieder Unverständnis, weil er „lieber“ auch bei kalten Temperaturen draußen schläft, als in eine Notschlafstelle zu gehen. Andere mit 22 Jahren dürfen auch selbst entscheiden, mit wem sie zusammen leben wollen.

I sog eich net wo mei Höhle is, weil da san nur i und mei Hund“ Tom flüchtete vor dem Lärm um ihn herum und in ihm drin. Sein Hund war ihm das Wichtigste und oft das Einzige, das ihm geblieben war. Er wusste oft nicht mehr, wem er noch vertrauen konnte, fühlte sich nach einem schweren Missbrauch in der Kindheit verloren und verlassen. Ins just kam er oft in Phasen psychischer Instabilität, ganz verletzlich und bedürftig. Er lebte die letzten Monate seines Lebens am Limit und suchte nach Halt, den er oft in der Natur finden konnte. An manchen Tagen war eine Höhle im Wald der einzige Rückzug, wo er Ruhe finden konnte.

Leben auf der Straße hat immer eine Geschichte und viele Facetten, die wir nicht auf den ersten Blick erfassen können. Menschen, die am Rande leben, leben immer am Limit – sie haben sich besondere Aufmerksamkeit, Zuwendung und Unterstützung verdient!

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