JUGENDSTREETWORK: das ist zum Einen Unterstützung speziell für Jugendliche und junge Erwachsene (12-25 Jahre) und zum Anderen aufsuchende und nachgehende Sozialarbeit, findet also ganz oft dort statt, wo sich die jungen Menschen aufhalten. Wir Streetworker*innen von just sind also Dienstag bis Samstag, in unterschiedlichen Konstellationen: zumeist gemischt geschlechtlich, aber auch mal nur die beiden Männer oder die beiden Frauen, zu verschiedenen Tages- und auch Nachtzeiten an den Plätzen in Linz unterwegs, wo sich junge Menschen treffen, insbesondere dort, wo unsere Unterstützung auch von Nöten ist. Unsere Wege führen uns fast immer an den Linzer Hauptbahnhof, wo wir oft auch einige Stunden am Tag zubringen.

#linzhbf

Dienstag 17.30 Uhr. Wir kommen vom Volksgarten über den Busbahnhof, wo sich in den Haltstellenhäuschen schon einige Menschen für die Nacht einrichten – aktuell sind das alles ältere, offensichtlich wohnungslose Männer und Frauen, keine unter 25-Jährigen. Wir kreuzen den Bahnsteig 21/22, wo auch heute wieder keine Jugendlichen anzutreffen sind. Der Weg führt uns über die Stiege hinunter, vorbei am Zugang zur Fahrrad- und Autogarage. Die Info-Halle wirkt auf den ersten Blick heute fast leer – beim genaueren Hinsehen können wir aber ein paar junge Männer hinter den Info-Kästen stehen sehen und ganz hinten im MC Donald‘s winkt uns jemand zu.

#wirkindervombahnsteig21

Wir folgen dieser Einladung und gesellen uns zu einer kleinen Gruppe von bekannten jungen Erwachsenen. Sie erzählen ihre Neuigkeiten, freuen sich, uns zu sehen. Einer braucht Infos bezüglich seiner Kündigungsoptionen, weil sein Chef nicht zahlt. Eine andere hat gehört, dass sie „einmalige Hilfe“ für Kautionsunterstützung beantragen kann und weiß nicht, wo sie das tun kann. Wir informieren, beraten und laden auch zu uns in die Anlaufstelle ein – einiges lässt sich eben nicht auf die Schnelle am Mc Donald‘s Tischerl klären. Sie beschweren sich auch über die vielen „Kinder“ am HBF und meinen damit einige Minderjährige, die hier am HBF ihre Freizeit verbringen. Dabei haben sie schon fast vergessen, wie sie sich selber noch vor zwei Jahren die „Kinder vom 21er“ nannten und in großen Gruppen auch mit älteren Jugendlichen und Erwachsenen ihre Tage am HBF verbrachten.

#lafamilia

Egal wie alt die jungen Menschen sind, die wir am HBF antreffen und wie unterschiedlich sie auch aussehen mögen, haben sie doch etwas gemeinsam: sie alle sind „Bahnhofskinder“, wie sie sich gegenseitig liebevoll nennen. Manchmal wird jemand der Älteren auserkoren der „Bahnhofs-Papa“ oder die „Bahnhofs-Mama“ zu sein – sie finden sich in kleinen und größeren Strukturen zusammen, um Papa-Mama-Kind, also Familie füreinander zu sein. Nicht selten endecken wir auch genau diesen Schriftzug auf ihrer Haut: la familia. Familie steht für so viel: die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach bedingungsloser Liebe, nach Rückhalt, einem Rückzugsort… „Familie“ haben viele unserer Klient*innen zuhause nicht erlebt und suchen sie wahrscheinlich auch deshalb so dringlich auf der Straße.

#raucher*innenplatzerl

Wir setzen unseren Weg Richtung Kärtnerauge fort, grüßen dort und da einige bekannte Gesichter, die uns heute aber lieber ignorieren wollen. Die Türen öffnen automatisch und wir stehen in einer massiven Rauchwolke – links und recht von uns stehen Gruppen von jungen migrantischen Männern, die uns durch die Trenngitter mustern. Der eine oder andere erkennt uns und grüßt, andere bleiben skeptisch. Einige Schritte weiter vorne steht auch eine Gruppe junger Menschen: ein blauer Haarschopf und verschiedene Rotvarianten blitzen hervor, dazwischen zwei große Hunde, die unruhig an der Leine zerren, irgendwo eine sehr laute Musikbox, aus der Techno schallt. Die Securities machen deutlich, dass nur in den markierten Bereichen geraucht werden darf – Diskussionen inklusive. Dazwischen bahnt sich ein Reinigungswagen den Weg durch die Massen. Von außen betrachtet, ist das eine sehr bunte, laute, unruhige Szenerie.

#fremdewelt

Eine befremdliche Szenerie, wenn es eine*n kalt erwischt, und mann*frau beim Verlassen des Bahnhofs plötzlich in dieser schrägen Welt steckt. Der Rauch, die vielen jungen Menschen, die vielen offensichtlichen Migranten, die laute Musik, die Hunde, dazwischen vielleicht betrunkene Erwachsene – alles in allem kann das jemanden durchaus einschüchtern. Zumindest ist das eine Wahrnehmung, die immer wieder an uns Streetworker*innen herangetragen wird. Passant*innen, Bekannte, auch Kolleg*innen erzählen uns, wie sie die Szene erleben. Manchmal kommen wir im Gespräch überein, dass verschiedene mediale Berichterstattung der letzten Monate auch einen Beitrag leistet, dass sich ein nicht wirklich greifbares Gefühl der Unsicherheit breit macht, wenn mann*frau den Bahnhof betritt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dort, wo viele (unterschiedliche) Menschen aufeinander treffen, auch Konflikte entstehen und ausgetragen werden. Trotzdem sind wir Streetworker*innen am HBF noch nie in eine gefährliche Situation geraten!

#sehenundgesehenwerden

Wenn der HBF auch manchmal Austragungsort von Konflikten ist, so ist er doch zuallererst ein Ort, wo Durchzugs- und Reiseverkehr dominiert, ein Platz, wo immer Trubel herrscht, wo immer „etwas los“ ist. Der Hauptbahnhof ist eine wichtige Verkehrsdrehscheibe in Linz – aus allen Stadtteilen ist er gut erreichbar, er liegt oft am Weg und bietet attraktive Infrastruktur. Junge Menschen verabreden sich also dort, wo es für alle am verkehrsgünstigsten liegt, wo man altersentsprechend und preiswert Essen und Getränke konsumieren kann (MC Donald‘s, Spar) und wo es im Winter warm ist und kostenfreies W-Lan bereit steht. Finden sich denn Jugendliche keinen besseren Platz, sich zu treffen?! Natürlich gibt es andere Räume für junge Menschen! Viele Jugendliche, die wir am HBF antreffen, verbringen einen Teil ihrer Freizeit gerne in den Jugendzentren des VJF und treffen ihre Freund*innen trotzdem gelegentlich am HBF. Der HBF ist ein Ort, der Platz und Freiraum bietet und für Jugendliche geht es ja auch um Inszenierung: sich zu zeigen, die eigene Wirkung auf das andere Geschlecht zu testen, beobachten, was sich tut. Sie wollen sehen und gesehen werden!

#homebasehbf

Für diejenigen jungen Menschen, die auf kein richtiges „zuhause“ zurückgreifen können, ist der Hauptbahnhof wie ein Startpunkt von dem aus jedes Abenteuer beginnt und ein Heimathafen in den mann*frau vielleicht auch spätabends zurückkehrt, um noch einen Platz für die Nacht zu finden. Unsere Justler*innen haben häufig kein Guthaben oder sogar kein Handy und fahren einfach auf Verdacht an den HBF, weil sie wissen, dass sie dort jemanden treffen, oder zumindest jemanden über‘s Internet kontaktieren können. Irgendjemand findet sich immer am HBF… und manchmal sind‘s auch die Streetworker*innen, die einen aufgabeln, wenn mann*frau nicht weiß wohin…

#szeneblick
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