Wir Streetworker*innen von just sind inzwischen seit über sechs Wochen zuhause – im homeoffice und aus der Kurzarbeit heraus tätig, wie auch so viele andere in Österreich. Die Ausgangsbeschränkungen wurden nun aufgehoben, wir alle kehren zu ein bisschen mehr „Normalität“ zurück. Zeit für uns, ein Fazit zu ziehen und die brennendsten Fragen zu beantworten:

Wie können Streetworker*innen arbeiten, wenn sie keinen f2f-Kontakt auf der Straße haben können? Wie erreichen sie denn die Jugendlichen und jungen Erwachsenen? Was geht? Und was geht nicht?

Zuerst muss gesagt werden, dass Flexibilität und Kreativität zu den ganz wichtigen Eigenschaften von Streetworkenden gehören – auch ohne Corona sind wir täglich gefordert, Zugänge zu Klient*innen zu finden und Situationen zu handeln, die nicht immer einer Routine entsprechen. Das ist ein gutes Training für Krisensituationen, heißt trotzdem nicht, dass wir unsere Grundstruktur von einem Tag auf den anderen ganz neu aufstellen können. Dementsprechend waren wir auf die Kooperation mit unseren jungen Menschen angewiesen – auf Rückmeldung und Verständnis, dass wir gerade selber nicht ganz genau wissen, wie‘s weitergehen wird und Woche für Woche alles anders war.

Streetwork kommuniziert auf Augenhöhe alles andere kennen die jungen Menschen, die mit uns arbeiten, schon jahrelang. Alles andere ist kontraproduktiv, oft nicht wertschätzend, jedenfalls nicht förderlich für das Vorankommen der jungen Menschen. Transparenz ist dabei ganz wichtig, auch wenn das heißt, dass wir sagen müssen, dass wir auch nicht so genau wissen, wie wir weitermachen. So blieben wir also im Gespräch, in einer GRUNDHALTUNG, die wie immer war, aber über Medien, die zuvor weit weniger das Mittel der Wahl waren: wir kommunizierten über online Plattformen wie facebook, instagram und nutzten stärker als sonst Dienste wie whatsapp und Co.

Dabei ist eines unserer wichtigsten Prinzipien die Kontinuität unserer Angebote. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Wir versuchen also Rahmen und Struktur zu geben, indem wir kontinuierlich erreichbar sind, unsere Öffnungszeiten einhalten und eine Routine in unserer Szenepräsenz anbieten. Um diese Sicherheit weiter anbieten zu können, entwickelten wir in den letzten Wochen Varianten, online regelmäßig und kontinuierlich erreichbar zu sein. Wir setzten neue Angebote, die immer an bestimmten Wochentagen stattfanden und einen Zusammenhang mit unseren sonstigen Angeboten und Öffnungszeiten hatten – wie zum Beispiel unseren wöchentlichen Gruppenchat unter dem Hashtag #justamenu oder das regelmäßige Aufgreifen bestimmter Themen: #justmoveit, #sorgfürdichselbst, … genauso wie die Postausgabe, die zweimal die Woche stattfindet.

Streetwork ist aufsuchend. Wir suchen junge Menschen dort auf, wo sie sich aufhalten. Die Justler*innen wissen im Normalfall wo und wie sie uns erreichen können: zu den Öffnungszeiten in der Anlaufstelle, über‘s Telefon und „zur Not“ über verschiedene Nachrichtenapps. Wenn also (im besten Fall) alle zuhause sind und das just „zu“ ist, wo treffen wir uns dann? Wir stellten auch unsere Szenepräsenz komplett um und trafen dort auf die jungen Menschen, wo sie unterwegs waren: online! Auf den diversen social media Kanälen kann mensch* sich gut verpassen – insofern waren wir präsent und durchaus auch aktiv in der Kontaktaufnahme, um unser Kontakt- und Beziehungsangebot gut unter die Leute zu bringen. Social media statt Straße!

DIE STRASSEN in facebook, instagram und Co kennen wir nicht so gut, wie die Straßen der Linzer Innenstadt. Social media ist schnell und voll und für jemanden, der nicht „digital-native“ ist oder die einzelnen apps und tools noch nicht so lange nützt, durchaus herausfordernd. Rückmeldung gibt‘s in Form von Likes und Kommentaren – für unsere Beiträge hielt sich diese Form des Feedbacks aber oft in Grenzen. Wir brauchten eine Weile, um fest zu stellen, dass unsere Beiträge gelesen wurden, oft auch mit Freude und positiver Rückmeldung im telefonischen Kontakt.

Das direkte Feedback war es auch, das uns besonders in der Beziehungs- und Beratungsarbeit fehlte. Im f2f-Kontakt haben wir eine breite Palette an Wahrnehmung: Mimik, Körpersprache, Gestik und dazu können wir sehen, in welchem Zustand jemand zu uns kommt: wie schaut die Kleidung, die Schuhe aus, wie „zurecht gemacht“ wirkt jemand, wie riecht jemand, wie hat sich jemand seit dem letzten Mal verändert… Vieles davon fehlt im medialen Kontakt – selbst beim Videotelefonieren lässt sich vieles nicht so genau erkennen und einiges „kaschieren“.

Die Grundversorgung im Sinne von Essen, Ausruhen im sicheren Rahmen, Duschen, Wäsche waschen etc. fiel zur Gänze aus – vor allem für diejenigen ein schwerer Einschnitt, die am wenigsten Sicherheit hatten. Also für diejenigen Justler*innen, die trotz der Krise keinen festen Wohnplatz hatten, weiterhin auf der Straße waren oder auch durch Jobverlust etc. in finanzielle Schwierigkeiten geraten waren. Wir vernetzten uns also aus dem homeoffice heraus mit den anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Linz, um diejenigen up-to-date zu halten, die wir nicht über‘s Internet erreichen konnten, die jungen Menschen ohne festen Wohnsitz und ohne Smartphone, und vermittelten diejenigen weiter, die Tagesaufenthalt oder Nahrung brauchten. Anfragen für Meldeadresse bearbeiteten wir via E-Mail. Die Postausgabe fand im Notfall über Distanz aber f2f statt.

Immer wieder hörten wir unsere Justler*innen, wenn sie formulierten, dass sie sich darauf freuen, wenn das JUST endlich wieder offen habe. Ganz oft war das natürlich die Nachfrage nach den Angeboten von Frühstück und Mittagsessen, aber eben auch nach der Gemeinschaft. Die gute Stimmung im just, die Gruppenzusammengehörigkeiten, das Socializen konnten wir nur in einem kleinen Rahmen versuchen, nicht aber ersetzen. So konnten wir manches neu erfinden und lernten vieles über online Kommunikation dazu. Wir partizipierten an der social-media-Präsenz der jungen Menschen und sie an unserer.

Für die STRASSE, als Synonym für die analoge Lebensweltorientierung und die Milieunähe von Streetworker*innen, konnten wir zum Teil eine digitale Entsprechung auf virtuellen Wegen finden. Nach unseren Handlungsprinzipien wie Niederschwelligkeit, Freiwilligkeit, Akzeptanz, Lebensweltorientierung, konnten wir (mit Abstrichen) auch digital arbeiten. Vor allem in der Beziehungsarbeit, der Begleitung von jungen Menschen und in der Beratung zeigte sich aber deutlich, dass handfeste, direkte, f2f-Kontakte nicht zu ersetzen sind. Wir konnten zu Zeiten der Ausgangsbeschränkungen eine Weile dieses Fehlen von f2f-Gesprächen überbrücken, aber wir alle freuen uns schon sehr, wenn wir auch hier wieder unser erfolgreichstes Produkt, unser geschätztestes Angebot und unser sicherstes Tool nutzen und anbieten können: uns selber im direkten Austausch mit den Justler*innen!

(Junge) Menschen sind trotz Smartphones und Internet auf den Straßen unterwegs – sie suchen vor allem nach greifbaren Ansprechpersonen, die nahbar, sichtbar und standhaft auch im physischen Sinne sind. Und auch wir Streetworker*innen brauchen ein physisches Gegenüber, das mit uns interagieren will und uns direkt rückmeldet, ob die Richtung stimmt. Dazu braucht‘s aus unserer Sicht f2f-Kontakte auf der Straße und/oder in der Anlaufstelle!

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Wie geht denn Streetwork ohne Straße???